Die Lufthansa im Rausch von Expansion und Übernahmen - eine Bestandsaufnahme
Einige Zahlen: Experten prognostizieren, dass es in Zukunft nur noch drei bis fünf große europäische Fluggesellschaften geben wird. Und eine davon wird mit Sicherheit die Deutsche Lufthansa AG sein. Lufthansa erzielte 2007 ein Rekordergebnis und konnte in den ersten drei Monaten 2008 Umsatz und Gewinn nochmals steigern. Die Lufthansa gilt bei Insidern als die seriöseste Fluggesellschaft in Europa - leistungsfähig, finanziell gesund und in hohem Maße konkurrenzfähig. Die operative Umsatzrendite konnte auf fast sieben Prozent erhöht werden, und man hat damit den größten Konkurrenten Air France/KLM überholt. Der Lufthansa-Gesamtumsatz im Jahre 2007 betrug 22,4 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte davon außerhalb Europas.
Großbritannien:
Es ist bereits beschlossene Sache, dass die Lufthansa die Mehrheit an der britischen Fluggesellschaft British Midland (BMI) übernimmt, an der sie bereits bisher mit 30 Prozent beteiligt war. Würde es British Midland gelingen, eine Fusion mit dem britischen Konkurrenten Virgin Atlantic einzugehen, hätte die Lufthansa, sozusagen als Mitgift, die Chance, London Heathrow zu einem eigenen Drehkreuz auszubauen. Dies wäre praktisch eine offene Kampfansage an British Airways, die deshalb ebenfalls ein Interesse an British Midland bekundete.
Spanien:
Vergangene Woche jedoch wurde eine völlig neue Übernahme-Variante kommuniziert: British Airways bekommt British Midland, und die Lufthansa könnte die 13-Prozent-Beteiligung der BA an der spanischen Iberia bekommen, um dann die gesamte spanische Fluggesellschaft zu übernehmen. Sollte dies nicht gelingen, wäre auch eine Lufthansa-BA-Fusion nicht mehr ausgeschlossen.
Belgien:
Auf der Lufthansa-Wunschliste ganz oben steht auch die führende belgische Airline Brussels. Airline Brussels, Nachfolger der insolventen Sabena, wäre für die Lufthansa strategisch sehr interessant und deren Wert geradezu ein Schnäppchen. Brussels Airlines ist mit der indischen Jetairways eine Zusammenarbeit eingegangen, die in Brüssel ihren europäischen Heimatflughafen sieht.
Italien:
Wie schon gemeldet, hat die Lufthansa an der vom Konkurs bedrohten italienischen Alitalia nach wie vor großes Interesse. Insider wollen wissen, dass die Lufthansa bereits über ein Konsortium verhandelt, das den Einstieg vorbereitet. Allerdings pokert man noch um den Preis. Man wartet momentan nur noch darauf, dass der Wert der Alitalia weiter in den Keller geht, um auch bei diesem Geschäft ein Schnäppchen machen zu können.
Österreich:
Und genussvoll schaut man auf die oft stümperhaften Konsolidierungsversuche der Mitbewerber, allen voran die Austrian Airlines, die 150 Millionen Euro zu einem Politikum gemacht haben, ein Betrag, den die Lufthansa in ihrer Portokasse hat. Obwohl die Option Lufthansa immer mehr Anhänger findet, blockiert die österreichische Regierung (noch) diese Option.
USA:
Kein anderes Land ist von der Krise der internationalen Luftfahrt so betroffen wie die USA. Täglich werden neue „Katastrophen-Meldungen“ veröffentlicht. Die Aktien von United Airlines sind praktisch nichts mehr wert, und die großen Verluste bei Delta und Northwest bringen beide Airlines in allergrößte Bedrängnis. So wundert es nicht, dass die Fusion von Delta und Northwest praktisch unter Dach und Fach ist. Der Fusion von Continental Airlines und United Airlines soll auch nichts mehr im Wege stehen.
Es ist auch kein Geheimnis mehr, dass die Lufthansa ihre Scouts schon lange nach Amerika ausgeschickt hat, um selbst im US-amerikanischen Übernahme-Poker ein Ass aus dem Ärmel zu ziehen. Nicht ohne ein süffisantes Lächeln auf den Lippen sagte Lufthansa-Vorstand Wolfgang Mayrhuber: „Wir sind für Übernahmen jederzeit in der Lage.“
Erster, aber noch lange nicht der letzte Schritt war die Beteiligung an JetBlue. Die Lufthansa profitiert nun davon, dass man die JetBlue-Destinationen auf dem New Yorker Flughafen in das eigene Langstreckennetz integrieren konnte.
Fazit: Die Lufthansa ist zur Zeit in einer solch starken Position, dass jede Übernahme, jede Beteiligung und jede Fusion weltweit möglich ist. Es scheint, als würde Geld keine Rolle spielen. Die Lufthansa hat sich zu einem gesunden und bedeutenden Airline-Schwergewicht gemausert und sich mit an die Spitze der Globalplayer im Luftfahrtgeschäft gesetzt: mit Rekordgewinnen, als gäbe es keine Konjunkturkrise. So wundert es nicht, dass Experten vermuten, dass die Lufthansa in den USA weiter an Bedeutung und Einfluss gewinnen werde.
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